Piraten wählen – eine Geschlechterwahl?

Ich war dabei. Ich war – wenn auch nur am Sonntag – in der Universal Hall in Berlin, wo die Piraten die Wahl für ihre Landesliste für die Bundestagswahl 2013 abhielten. Das möchte ich vorab bemerken, weil das, was ich hier schreibe, sicher nicht jedem gefallen wird. Aber ich kann mitreden, denn ich habe es so erlebt. Und ich stelle hier nur meine Meinung dar. Und die mindestens eines anderen Piraten mit dem ich gesprochen habe. Aber der kann seine Ansichten dazu selbst bloggen.

Als erstes möchte ich ganz herzlich den Gewinnerinnen und Gewinnern gratulieren. Drei Frauen auf den ersten drei Plätzen ist schon großartig. Nun haben sie die Chance zu zeigen, was in ihnen steckt. Und ich hoffe auf absolute Rückendeckung und Unterstützung durch die Partei und ihre Mitglieder. Von mir sollen sie die bekommen, sie haben sich schließlich keiner einfachen Aufgabe gestellt.

Trotzdem bleibt bei mir ein kurioser Nachgeschmack, wenn ich an das Zustandekommen dieses Wahlergebnisses denke. Hier wurden Männer fast schon chancenlos gemacht. Mit schöner Regelmäßigkeit wurde darauf hingewiesen, dass es doch großartig wäre, wenn mehr Frauen in Führungspositionen kommen würden. Dieser Ansicht bin ich auch, nur hat dieser Hinweis – meiner Ansicht nach – nichts bei einer Wahl direkt zu suchen. Da sollen die fähigsten Leute gewählt werden und – wir leben im 21. Jahrhundert – nicht irgendwelche geschlechtlichen Merkmale. Wenn eine bestimmte Frau der bessere Kandidat ist bekommt sie auch meine Stimme. Und wenn ich denke, dass ein gewisser männlicher Kandidat besser geeignet ist, wähle ich den. So einfach ist das.

Statt dessen wurden gebetsmühlenartig immer wieder Hinweise gestreut, man solle oder müsse ein Zeichen setzen, man habe ja so tolle weibliche Kandidatinnen (darauf, dass auch sehr gute männliche Kandidaten zur Wahl standen wurde fast gar nicht eingegangen) und vorsichtshalber holte man noch die Sexismusdebatte raus. Irgendwie kam mir dass ein wenig wie eine gut kopierte Scientologyveranstaltung vor, Gehirnwäsche inklusive. Auch auf Twitter ging die Bearbeitung der Wähler los. Vor allem durch Piratinnen. (Liebe Anke, dass ist kein persönlicher Angriff sondern ein Beispieltweet 😉 Du hast deine Meinung und das ist gut so.)

Bildschirmfoto vom 2013-02-25 07:25:54

Noch mal: Ich zweifle nicht das Wahlergebnis an, es ist demokratisch zustande gekommen und ich finde es gut. Und schließlich habe ich mitgewählt und – man glaubt es nicht – mehr Frauen als Männern meine Stimme gegeben. Und ich will natürlich, dass mehr Frauen in den Führungsetagen der Politik und der Wirtschaft vertreten sind. Wenn sie sich für die jeweilige Aufgabe eignen. Diese Eignung setze ich übrigens auch bei Männern voraus. Ich frage mich nur, ob dieses Feuerwerk an „Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen“, „Wählt unsere Kandidatinnen!!!“ et cetera bei der Wahlveranstaltung an sich wirklich nötig war. Ich denke nicht. Zumal im Denken eines Piraten sowieso die Gleichstellung der Geschlechter verankert sein sollte. Dieser permanente Hinweis auf die weiblichen Kandidatinnen ist – nach meiner Ansicht – der Piratenpartei als solches und den Kandidatinnen selbst unwürdig. Sie hatten – genau wie die männlichen Kollegen auch – die Möglichkeit sich vorzustellen, ihre politischen Schwerpunkte und Ziele zu erklären und sich den Fragen zu stellen. Sie hatten also genau die selben Chancen wie die Männer. Und die konnten sie genauso nutzen und sich gut oder halt weniger gut präsentieren. Wahlkampf machen halt. Für sich selbst werben.

Die Debatte darüber, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen müssen muss in der Gesellschaft geführt werden und nicht bei Wahlversammlungen. Es ist ein gesellschaftliches Problem, dass man gern im Wahlkampf, im Bundestag oder in der Firma besprechen kann. Aber nicht in einer Wahlversammlung und schon gar nicht so. Ich will nicht von irgendwem darin beeinflusst werden, wem ich „korrekter- oder vorzugsweise“ meine Stimme zu geben habe.

Nun, die Wahl ist vorbei, das Ergebnis steht und ich freue mich auch, dass es so ausgegangen ist. Und auch, oder gerade dass so viele Frauen ganz vorne rangieren freut mich. Nur bleibt für mich, wie gesagt, der komische Nebengeschmack, ob denn bei den Vorstellungs- und Fragerunden immer wieder diese versteckten Hinweise nötig waren, wie man „piratig korrekt“ zu wählen habe, dass man ja schließlich „mehr Frauen ganz vorne“ brauche. Hier hat die Partei schlicht und ergreifend ihr eigenes Selbstverständnis in der Geschlechterfrage fast schon ins lächerliche gezogen. War das wirklich nötig? Ist das jetzt Genderrassismus umgekehrt? Ich jedenfalls bin schon auf die Berichterstattung der „BILD“ und anderer gehobener Erzeugnisse aus dem Hause „Springer AG“ gespannt.

Über Diskussionen darüber freue ich mich natürlich. Aber bitte ohne Beleidigungen, Beschimpfungen oder ähnliches. Respektvoll halt. Wie gesagt, es handelt sich hier um meine Meinung. Und andere Meinungen sind – „piratig korrekt“ – selbstverständlich willkommen.

Liebe Grüße

Thomas

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5 Gedanken zu „Piraten wählen – eine Geschlechterwahl?

  1. Nur so als kleiner Hinweis: mein von Dir zitierter Tweet ist ein Zitat aus der Ja/Nein Fragerunde. Diese Frage wurde dort genau so gestellt und erhielt eine große JA-Mehrheit. Ich habe also in diesem Tweet keine eigene Meinung geäußert, sondern nur Bericht erstattet zur Fragerunde. Im Kontext der Tweets davor und danach wird das auch deutlich, auch an den Anführungsstrichen sollte man das erkennen können.

    Davon abgesehen bin ich natürlich trotzdem der Meinung, dass uns mehr Vielfalt in der künftigen Bundestagsfraktion einen Vorteil bringt. Ich habe auch getwittert am Wochenende vor der Wahl selbst, dass es auf den ersten Plätzen Frauen werden müßten, wenn es nur nach Kompetenz ginge, denn ganz offensichtlich waren das einfach die am besten geeigneten Kandidaten. So kam es dann ja auch und genau so hast Du ja offenbar selbst auch geurteilt durch Deine eigene Wahl. Daraus jetzt zu machen, die Frauen würden wegen Gehirnwäsche gewählt worden sein, ist gelinde gesagt, albern und beleidigt die gewählten Frauen ebenso wie die Piraten, die sie gewählt haben. Kritik an anderen LV gab es vor allem, weil der Eindruck entstand, dass auch kompetente Frauen weniger Chancen hatten. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es in ganz Bayern keine Piratin gegeben haben soll, die mit ihrer Kompetenz an die Top 6 gewählten männlichen Piraten heranreichte. Bayerinnen sind ja nicht blöder als Berlinerinnen.

    Letzter Kommentar: Du meinst, die Debatte gehört in die Gesellschaft und nicht auf eine Wahlveranstaltung. Ich meine, auch die Piratenpartei ist Teil der Gesellschaft und auch eine Wahlveranstaltung ist es. Es ist etwas billig, zu argumentieren, die Gesellschaft, das sind immer nur die anderen… Es ist am einfachsten, Veränderungen in der Gesellschaft zu erreichen, wenn man in dem Teil Gesellschaft anfängt, in man sich selbst gerade befindet und wo man aktiv ist. Am Wochenende war das für uns die AVB13.

    viele Grüße
    @AnkeD

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    • Hallo Anke,

      als erstes danke ich dir, dass du dir die Mühe gemacht und die Zeit genommen hast, auf meinen Artikel zu antworten.

      Im Prinzip scheinen wir uns – was die gewählten Kandidatinnen zur Bundestagswahl angeht – einig zu sein. Cornelia Otto und Miriam Seyffarth als auch Lena Rohrbach sind bestimmt fähige Frauen. Und ich freue mich aufrichtig für sie als auch über das Ergebnis ansich.

      Was ich einfach in meinem Artikel bemängelt habe ist, dass permanent darauf verwiesen wurde, dass wir Frauen an der Spitze brauchen. Wieso? Wir brauchen kompetente Leute, ohne dabei darauf zu achten, welchen Geschlechts sie sind. Wie gesagt, die Männlichen Kandidaten haben bei meiner Stimmabgabe zumeist eher schlecht abgeschnitten. Das hatte nichts damit zu tun, dass da permanent auf die Frauen verwiesen wurde, sondern damit, dass ich sie für die fähigeren halte.

      Du schreibst: „Daraus jetzt zu machen, die Frauen würden wegen Gehirnwäsche gewählt worden sein, ist gelinde gesagt, albern und beleidigt die gewählten Frauen ebenso wie die Piraten, die sie gewählt haben.“. Darauf zitiere ich einfach mal aus meinem Text (vielleicht hast du das überlesen): „Dieser permanente Hinweis auf die weiblichen Kandidatinnen ist – nach meiner Ansicht – der Piratenpartei als solches und den Kandidatinnen selbst unwürdig.“ Hier gehe ich genau auf das ein, was du meintest. Es könnte der Eindruck entstehen, ohne diese „Gehirnwäsche“ hätten es die drei nie geschafft. Doch. Sie hätten. Davon bin ich überzeugt. Und deshalb denke ich, dass man nicht immerzu auf die Kandidatinnen hätte hinweisen müssen. Zumindest nicht in dieser Art und bis zum Erbrechen. Das hatte schon fast was Sektenartiges. Finde ich.

      Du schreibst: „Kritik an anderen LV gab es vor allem, weil der Eindruck entstand, dass auch kompetente Frauen weniger Chancen hatten.“ Darauf kann ich nur die Frage stellen: Hätten wir in Berlin nur deswegen Frauen wählen müssen, selbst wenn die keine Ahnung gehabt und Bernd Schlömer für den letzten Staatschef der DDR gehalten hätten? Der Berliner Landesverband ist nicht dafür verantwortlich, welche Kandidaten in anderen Landesverbänden gewählt werden. Und da ist es etwas daneben, bei einer Wahlveranstaltung darauf hinzuweisen und eine Art „Wiedergutmachung“ zu erwarten. Natürlich ist das, was in Bayern gelaufen ist, alles andere als fair gewesen. Aber dafür kann man die Berliner Piraten nicht in die Haftung nehmen. Ich hoffe, du verstehst was ich meine.

      Zu deinem letzten Punkt: Natürlich gehört die Debatte über Frauen in Führungspositionen nicht auf Wahlveranstaltungen. Oder zumindest nicht so, wie es in Berlin gemacht worden ist. Das war sehr nah an einer Beeinflussung. Wie gesagt, ist meine Meinung. Aber stellen wir doch mal die Frage: Warum haben sich denn nicht mehr Frauen zur Wahl gestellt wenn Frauen in Führungspositionen doch so wichtig sind? Hier ist mal der Link zur Kandidatenliste: http://wiki.piratenpartei.de/BE:Parteitag/2013.1/Bewerber. Den 13 Frauen, die sich zur Wahl gestellt hatten, standen immerhin 35 Männer gegenüber. Kannst du gerne nachzählen. So ist es auch in der Wirtschaft. Ich kenne Unternehmer, die für bestimmte Führungspositionen lieber Frauen einstellen würden. Nur finden sie keine Bewerberinnen. Also werden wieder Männer genommen. An diesem Missverhältnis sind also nicht unbedingt die Männer oder die Unternehmen schuld.

      Vielleicht verstehst du jetzt besser, was ich in diesem Artikel zum Ausdruck bringen wollte.

      Liebe Grüße

      Thomas

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  2. Das Problem, das ich gesehen habe, war die hartnäckig vertretene Idee, dass Frauen auf den ersten Plätzen der Liste stehen müssen. So eine Diskussion erinnert stark an die Diskussion um die Frauenquote in Führungsetagen. Nicht die besten Kandidaten sollen die Liste anführen, sondern Frauen? Klar, wenn sie die bestgeeigneten sind, selbstverständlich, aber die Eignung sollte doch wohl wichtiger sein als das Geschlecht

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  3. Aus Solidarität setze ich hier mal den (vom Blog der Pankower Piraten gelöschten) Blogartikel von Rainer zu dem Thema ein:

    Nach der Wahl ist vor der Wahl – oder einfacher ausgedrückt, die Berliner Kandidaten für die Bundestagswahl sind gewählt, nun gilt es einen piratigen Wahlkampf zu führen, der ihnen echte Chancen für einen Einzug ins höchste deutsche Parlament eröffnet.
    4 Frauen an der Spitze der Liste, vielleicht weil einige der Berliner Abgeordneten sich eine “freiwillige Selbstverpflichtung” auferlegt hatten, unbedingt weibliche Kandidaten an die Spitze der Landesliste zu bringen.
    Mit allerlei Tricks versuchten sie die Aufstellungsversammlung zu beeinflussen, dieser Idee zu folgen bzw. das Wahlverfahren zu ändern, um ihren Wunschkandidatinnen bessere Chancen einzuräumen.
    Eine fragwürdige Idee, eigentlich sollten die am besten geeigneten Kandidaten dort an der Spitze stehen, egal ob weiblich, männlich, Eichhörnchen oder Alien.
    Insofern fühlte man sich zurückversetzt in die Zeiten des aggressiven Feminismus einer Alice Schwarzer.
    Warum sollten Frauen besser geeignet sein?
    Wer glaubt daran, dass Frauen bessere Politik machen?
    Die Kanzlerin sollte uns längst eines besseren belehrt haben.

    Was natürlich nicht heisst, dass die Spitzenkadidatin Cornelia Otto nicht auch bei einer ganz “normalen” Wahl auf Platz 1 gelandet wäre.
    Aber der erste Mann auf Platz 5 der Liste, der zweite auf Platz 7, und damit wohl chancenlos einen Platz im Bundestag zu ergattern (vorausgesetzt, die 5%-Hürde verhindert das nicht für alle Kandidaten), da ist man geneigt an einen Geschlechterkampf zu glauben.

    Wer die gesamte Liste – also das Wahlergebnis – noch sehen möchte, der schaue hier nach.

    Wer sich darüber hinaus auch für die Stimmgewichtung bei den einzelnen Kandidaten interessiert, findet diese hier.
    Das nicht ganz einfache Wahlverfahren mit 10 JA und 10 NEIN Präferenzen trug jedenfalls nicht dazu bei, dass Cornelia Otto an der Spitze landete, das wäre ohne Gewichtung der Präferenzstufen auch geschehen.

    Generell hat jeder zu den nun gewählten Kandidaten seine Meinung, bei den 14 Piraten auf der Liste sind immerhin 6 der von mir gewählten, wenn ich auch eine andere Reihenfolge lieber gesehen hätte. Aber damit muss jeder nun leben, über 300 Stimmberechtigte haben am Sonntag darüber entschieden.

    Jetzt bleibt zu hoffen, dass die Spitzenkandidatinnen dem politischen Alltag und dem Medienrummel gewachsen sind. Hoffen wir weiter, dass alle von ihnen nervenstark genug sind, nicht durch unbedachte Äußerungen gegenüber Medienvertretern ihre Chancen bei den Wählern zu verspielen.
    Denn genau darauf warten nun die etablierten Parteien und Politiker, nicht politische Ziele oder Aussagen sind vor der Wahl entscheidend, sondern die Leichen in den Kellern der anderen Kandidaten und wie viele davon man ans Licht zerren kann.
    Politik ist ein schmutziges Geschäft.
    Das kann man bedauern, aber diese Realitäten werden wir bis zum September nicht verändern können.”

    Die nun offizielle, kommentierte Version findet ihr hier: http://f0o0.de/dinge/

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  4. Pingback: Mache ich Wahlkampf? Eine schwere Entscheidung | Pirat Thomas Matzka

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