Wenn ein Gott verstoßen wird

Vorverurteilungen sind schlimm. Es hat noch kein Urteil gegeben außer dem, welches von der großen Allgemeinheit im Vorfeld gefällt wird. Und trotzdem finde ich im Fall Uli Hoeneß eine Verurteilung durch die breite Masse richtig. In diesem Artikel erkläre ich unter anderem warum.

Ein Mann verdient Geld. Sehr viel Geld. Ihm und seiner Familie geht es gut, er hat ausgesorgt und keines von den Problemen, mit denen sich die große Masse der Bevölkerung tagtäglich herumschlagen muss. Er muss sich nicht die Frage stellen, wie er morgen seine Familie satt bekommt, wie und wovon er seine Nebenkostenabrechnung bezahlt, ob er im nächsten Urlaub verreisen kann oder doch wieder auf Balkonien bleibt. Nein: Dieser Mann hat diese Probleme nicht, er verdient ja mehr als genug.

Für viele ist Hoeneß ein Vorbild gewesen. Weltmeister 1974. Bayernmanager. Jemdand, der sich sozial engagierte und etwas bewegen wollte. Eine moralische Institution, die ständig Ehrlichkeit anmahnte. Irgendwie konnte man ihn sogar als eine Art „soziales Gewissen“ sehen, jemand, der immer für andere da war. Aber er war auch jemand, der ständig mit dem Finger auf die Fehler und Fehltritte anderer zeigte, wie das Beispiel Christoph Daum und der Kokainkonsum zeigte.

Nun kam es vor einigen Tagen raus: Hoeneß hat Steuern hinterzogen. In millionenhöhe. Genaues nicht bekannt. Wahrscheinlich weiß nicht mal er selbst, um wieviel Geld es hier geht. Auf jeden Fall ist es mehr, als sogar ein gehobener Angestellter im ganzen Leben verdienen dürfte. Nun macht er auf reuigen Sünder und streut öffentlich Asche auf sein Haupt, aber sich zu den Vorfällen und Vorwürfen will er sich nicht äußern. Schon gar nicht über die Enttäuschung derer, die in ihm immer das gesehen haben, was er nach außen darstellte: Eben jene moralische Instanz, die man sich wünscht. Nun meidet er die Kameras und die Öffentlichkeit so gut es geht. Das ist auch verständlich.

Er hat Selbstanzeige gestellt. Hilft das? Bereits im März soll gegen ihn ein Haftbefehl ergangen sein, der gegen Kaution wieder außer Kraft gesetzt worden sein soll. Er wollte wohl alles legal regeln, die hinterzogegen Steuern würden von der Schweiz pauschal überwiesen, sobald das Steuerabkommen zwischen Deutschland und der Schweiz abgeschlossen worden wäre. Sein Geld wäre weiter auf irgendeinem anonymen Nummernkonto gebunkert worden und er hätte weiter den Moralapostel geben können. Dumm nur, dass es nicht dazu gekommen ist.

Statt dessen werden plötzlich den Medien Steuerdaten von Steuerflüchtlingen zugespielt, die in ihrem Ausmaß die bisherigen „Steuer-CD’s“ um das Zehnfache übersteigen. Und da die besagten Steuersünder wohl alle der Reihe durchweg zu den „oberen Zehntausend“ gehören dürften, bergen diese Daten natürlich auch eine gewisse politische Sprengkraft, auch wenn Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble von einem „bedauerlichen Einzelfall“ spricht, eine Aussage, die an Zynismus und Frechheit nicht mehr zu überbieten ist. Das zeigen die steigenden Zahlen von Selbstanzeigen seitdem Bekannt geworden ist, dass ebendiese Daten aufgetaucht sind.

Plötzlich können unsere Steuersünder, aus reinem schlechten Gewissen selbstverständlich, nicht mehr ruhig schlafen, leiden unter Alpträumen und Angstzuständen. Das Geld, welches eine Erleichterung sein sollte ist zur Belastung geworden. Das ist gut so.

Im Fall Hoeneß ist das Dumme, dass scheinbar schon vor dem Auftauchen dieser Daten gegen ihn ermittelt wurde. Wenn dem so ist würde seine Selbstanzeige nicht mehr Strafmildernd wirken. Hoeneß müsste vom Gericht mit Freiheitsstrafe belegt werden. Aber sein wir realistisch: Was wird – aller Wahrscheinlichkeit nach – passieren?

Lassen sie mich spekulieren: Offiziell soll es ja keinen so genannten „Promibonus“ geben. Aber gerade diesen werden wir bei Hoeneß in geballter Ladung erleben dürfen. Der Prozess wird in München stattfinden und der Richter ist – welch ein Wunder – Bayernfan. Man wird sich der (zugegebenermaßen nicht zu leugnenden) Tatsache erinnern, dass Hoeneß sich um die Gesellschaft und den deutschen Fußball verdient gemacht hat. Außerdem wird sich (fast) alles, was in Prominenz und Politik seit Jahren Rang und Namen hat, hinter ihn stellen und dabei nicht müde, auf genau diese Verdienste hinzuweisen. Wahrscheinlich wird man sich dann darauf einigen, dass er eine Summe zahlen muss, die für ihn sowieso nur die berühmten Peanuts darstellt. Eine Ikone, ja, einen Gott kann man doch nicht einsperren! Er ist halt der Gute, der unantastbare, der nur einfach mal einen unverzeihlichen Fehler gemacht hat, den man aber verzeihen muss. Er hat doch nur einen Fehler gemacht, wenn auch einen, den er über einen wahrscheinlich längeren Zeitraum, immer wieder begangen hat. Trotzdem: Ein Gott wird er nicht mehr sein. Ein bisschen muss man ihn schon verstoßen.

Unser Rechtssystem, welches angeblich keine Zweiklassenjustiz kennt, wird ihn selbstverständlich mit aller Härte des Gesetzes milde aus der Angelegenheit entlassen. Die harten Strafen sind für die kleinen Fische reserviert. Zum Beispiel für kleine Gewerbetreibende, die dem Fiskus vielleicht 2000 Euro schulden und deswegen permanent mit Kontosperrungen und anderen Maßnahmen drangsaliert werden. Wie gesagt: Das ist nur Spekulation.

Auf jeden Fall zeigt die Reaktion der Allgemeinheit, dass das Thema die Menschen bewegt. Sie wollen ein gerechtes Urteil. Es gibt auch andere, die sich um ihre Mitmenschen verdient gemacht haben und wegen wesentlich weniger die volle Bandbreite der Möglichkeiten bundesdeutscher Rechssprechung zu spüren bekamen. Und auch die Reaktion der Politik spricht Bände: Man hat erkannt, dass die Öffentlichkeit sensibilisiert ist. Die Schere zwischen arm und reich ist in den letzten Jahren so weit auseinandergegangen, dass die „kleinen Leute“ die Schnauze voll haben. Während die Reallöhne sinken und Leiharbeit und prekäre Arbeitsverhältnisse enorm angestiegen sind, hat das Vermögen der Reichen rasant zugenommen. Die Diskussion um eine Umverteilung wird immer schärfer in der Öffentlichkeit geführt. Die Bewegung „Umfairteilen“ und die Resonanz, die sie hervorruft, zeigt das eindeutig.

Um es klarzustellen: Ich will nicht,, dass an Hoeneß einfach ein Exempel statuiert wird. Das würde auch nichts bringen. Er hat dieselben Rechte wie jeder andere Bundesbürger. Er hat auch die selben Pflichten. Sicher: Er wird jetzt mit den Steuer- und Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten. Selbstverständlich nur, um seine Schuld restlos aufzudecken. Oder ist es doch eher die Hoffnung auf eine mildere Strafe?

Hoeneß hat sich mit einem Schlag selbst demontiert: Sich selbst, seine Glaubwürdigkeit, seine Unantastbarkeit und seinen Götterstatus. Was aber unbestritten bleibt sind seine Verdienste. Werfen wir alles in die Waagschale.

 

„Querulanten“ – eine Chance?

Am 19. Februar 2013 schrieb ich unter der Überschrift „Haben die Piraten ein Demokratieproblem?“ über einige Querulanten und verschiedene Auffassungen von Demokratie und Mehrheitsentscheidungen. Ich stehe auch immer noch dazu, dass von der Mehrheit gefällte Entscheidungen auch für alle Mitglieder der Piraten gilt. Natürlich kann auch die Mehrheit falsche Entscheidungen treffen, aber die Entscheidung steht.

Das ständige Anzweifeln von Mehrheitsentscheidungen und das permanente „durchkauen“ der immer gleichen Themen, wie zum Beispiel die Diskussion um Klarnamen oder Pseudonyme im LQFB, nervt natürlich irgendwann, zumal es ja dazu schon mehrere Abstimmungen gegeben hat. Und doch sehe ich darin eine unglaubliche Chance und Herausforderung.

Im Grunde sollten wir unseren „Querulanten“ vielleicht sogar dankbar sein. Sie zeigen uns die Probleme auf, die es unbestritten gibt. Und für die eine Lösung gefunden werden muss.

Ich habe gestern Abend mal darüber nachgedacht: Nun will wohl die SPD die Bürgerbeteiligung einführen, „weil es die Piraten nicht hinkriegen“. Egal, wer das von uns behauptet, er hat erst mal Recht. Und jeder, der dieses Konzept umsetzen will, steht früher oder später vor dem selben Problem, welches die Piraten derzeit zu lösen haben: Wie macht man es am besten? Das sehen unsere Kritiker erst mal gar nicht.

Eine namentliche Abstimmung verstößt – zugegebener Maßen – gegen den Grundsatz der freien und geheimen Wahl/Abstimmung. Auf der anderen Seite kann mit Pseudonymen Schindluder getrieben werden, zum Beispiel, wenn sich jeder mit mehreren Pseudos anmelden kann. Also muss man dem einen Riegel vorschieben, indem man sicherstellt, dass sich jeder nur mit einem Pseudonym anmelden kann. Dass würde jedoch bedeuten, dass das Pseudonym irgendwo wieder mit dem Klarnamen oder der Ausweisnummer registriert werden müsste, also auch mit Pseudonym zurückzuverfolgen wäre, wer wann bei was wie abgestimmt hat. Also auch keine geheime Wahl.

Wir haben die großartige Chance, die Kritik unserer „Querulanten“ ernst zu nehmen und uns Gedanken zu machen, wie wir dieses Problem lösen wollen. Ich habe da erst mal keine Idee. Aber ich habe angefangen, darüber nachzudenken. Und verstehe, was unsere „Querulanten“ wahrscheinlich wirklich wollen.

Nutzen wir gemeinsam diese Chance und suchen zusammen nach einer Lösung. Dabei helfen uns jedoch keine Shitstorms auf Twitter oder in diversen Mailinglisten. Suchen wir gemeinsam nach Ideen und Lösungen, die uns helfen, dieses Problem zu lösen. Es ist ein wirklich kompliziertes Problem. Doch ohne die passende Lösung brauchen wir gar nicht erst versuchen, damit eine Bürgerbeteiligung anzustreben. Hier müssen die Grundsätze der Vermeidung von Missbrauch und der des geheimen Wahlrechts unter einen Hut gebracht werden. Darauf haben mich unsere „Querulanten“ aufmerksam gemacht.

Worauf ich in Zukunft hoffe ist, dass dieser Streit nicht immer wieder in irgendwelchen Mailinglisten ausbricht oder auf Twitter oder sonstwo, sondern diese Energie, die in diese Streits gesteckt wird, zur Lösung des Problems eingesetzt wird.