Kann die Jugend nicht mehr kämpfen?

Gestern war ich auf einer Kietzmanagement-Veranstaltung, die sich mit der besseren Ausgestaltung des Berlin – Prenzlauer Berger Mühlenkietzes auseinandersetzte. Es ging um ein Bachelorprojekt von Studenten der TU Berlin. Schwerpunkt waren Verbesserungen der Lebensbedingungen von Kindern, Jugendlichen, Senioren und den Bewohnern im Allgemeinen. Dazu wurden Arbeitsgruppen gebildet, ich schloss mich der „AG Jugendliche“ an. Was ich dann erlebte war schlichtweg eine ernüchternde Katastrophe, die den beteiligten Erwachsenen, vor allem aber den Studenten, die sich sehr viel Mühe gegeben hatten, den letzten Nerv raubte. Und die Studenten, die im Vorfeld mit viel Energie die vorhandenen Gegebenheiten recherchiert und Verbesserungsvorschläge ausgearbeitet hatten waren der Verzweiflung nahe. Sie wollten die Meinungen der Jugendlichen wissen – oder besser noch – deren Vorschläge bekommen. Was hat sich zugetragen?

Man muss hierbei sagen, dass das Motto des Projektes „Ohne Moos was los“ lautet, also mit wenigen oder gar keinen Mitteln durch Engagement der Anwohner etwas verändert werden soll. Zum Nutzen aller. Man muss auch sagen, dass alle in der Runde unserer „AG Jugendliche“ überrascht waren, dass überhaupt Jugendliche gekommen waren. Die meisten von ihnen nahm ich persönlich (und auch die meisten anderen Erwachsenen) aber eher als unkonstruktive Störenfriede wahr denn als (fast) erwachsene Menschen, die etwas für ihre eigenen Interessen tun wollten. Frei nach dem Motto: „Fordern, aber nichts dafür tun“.

Der Reihe nach: Zuerst ging es um die Wiederinstandsetzung eines Boltzplatzes. Diese war bereits vor Jahren an finanziellen Mitteln gescheitert. Auf meine Frage an die Jugendlichen, in wie weit sie denn bereit wären, Eigenleistungen zu erbringen, blickten sie mich verständnislos an. Ich erklärte also: Wenn nicht genug Geld da ist, müssten sie selbst mithelfen den Platz instand zu setzen um Gelder zu sparen. Außerdem würde das bei potentiellen Geldgebern auch das Gefühl vermitteln, dass es den Jugendlichen mit dem Boltzplatz ernst sei, was die Kassen der eventuellen Investoren sicher schneller öffnen würde. Antwort einer Jugendlichen: „Ich gehe ja schließlich zur Schule und habe auch noch eine Familie. Da habe ich genug zu tun. Und dann soll ich noch in der Erde buddeln?“ Darauf entgegnete ich, dass ich ihre Meinung ein wenig kurios fände und erwähnte, dass ich in der Taxizentrale auch einen Stressjob hätte und trotzdem nebenbei noch diverse Sachen erledigen würde. Frage eines Jugendlichen (ziemlich erbost): „Und wen interessiert was du machst?!“ Dass es hier um ein Beispiel aus dem ganz normalen Leben eines Erwachsenen ging haben sie offensichtlich nicht verstanden.

Bereits nach einer Viertelstunde war unsere Zukunft nicht mehr imstande, der Diskussion in der AG zu folgen. Ständig gingen sie raus, kamen wieder, wussten dann natürlich nicht, worum es jetzt geht und so weiter und so fort. Als Krönung kam dann ein Jugendlicher, der vorher gar nicht gesehen ward, ließ sich auf einen Stuhl fallen, pöbelte rum und tönte, er wolle Wasser trinken. Vor ihm standen zwei große Flaschen Mineralwasser und auch saubere Becher. Immer wieder schlug er mit der Hand auf den Tisch, störte die Arbeit der Gruppe und tönte was von seinem Durst. Offensichtlich hat ihm bis heute niemand solch eine grundlegende Sache beigebracht, wie man Wasser aus einer Flasche in einen Becher gießt. Armes Kind. Wir waren froh, als sich dieser Beweis guter Kinderstube und höherer Zivilisation endlich entfernte. Er konnte nicht mal zehn Minuten einem Thema folgen, das auch ihn betraf.

Nächstes Thema war eine Spraywand. Viele Jugendliche wollen nun mal Graffities sprühen. Diese Chance sollte ihnen geboten werden. Sie waren nicht mal in der Lage, ihre Meinung zu äußern, ob sie denn dafür oder dagegen sind und wenn ja warum nicht. Sie redeten nur um das Thema herum. Der Leiter unseres Sportvereins hat ihnen angeboten, doch das Clubhaus zu verschönern. Keine wirkliche Reaktion. Statt dessen der Ruf nach Salzstangen.

Dann hatte doch einer von ihnen, der vernünftigste, eine zündende Idee, die alle Jugendlichen gut fanden: eine Chillecke. Er fertigte sogar eine Skizze an, wie sie denn aussehen soll. Beteiligen am Aufbau einer solchen Ecke wollten sie sich aber doch nicht so wirklich, schließlich hätten sie ja darin keine Ausbildung. Mein Argument, dass man das ja unter Anleitung machen könne kam bei ihnen nicht an.

Wie gesagt: Die Studenten, die sich mit viel Mühe auf das Projekt vorbereitet hatten waren schier verzweifelt, die meisten restlichen Erwachsenen waren immer genervter und die Jugendlichen waren schwerer zu hüten als eine Horde Vorschulkinder. Wie wollen sie so jemals ihre Interessen durchsetzen?

Ich stelle mir die Frage, wie sie gegenüber dem Bezirk oder potentiellen privaten Geldgebern ein Projekt wie die Sanierung eines Boltzplatzes vertreten und auch durchsetzen wollen, wenn sie sich so verhalten. Niemand würde ernsthaft mit ihnen verhandeln. Sie scheinen nicht in der Lage zu sein, sich auch nur eine Stunde so zu benehmen, wie sie doch schließlich wahrgenommen werden wollen: Als junge Erwachsene. Und dann stellt sich mir noch eine Frage: Kann die Jugend nicht mehr kämpfen, sich für etwas einsetzen?

Was ich gestern erlebt habe war eine komplette Bündelung von Desinteresse, Flegelei, Faulheit, Ideenlosigkeit und Unfähigkeit. Der Mitarbeiter des Jugendclubs „Atelier 89“ brachte es auf den Punkt als er sagte „Ich höre mir ständig euer Gemecker an, dass im Club was geändert werden müsste. Aber wenn man euch nach Vorschlägen fragt kommt nichts.“

Somit waren es gestern die Erwachsenen, die sich ihren Kopf zerbrochen haben, was denn für die Jugendlichen besser gemacht werden könnte. Und wie diese Ziele zu erreichen sind. Eigentlich traurig. Was, wenn diese jungen Menschen mal ins Berufsleben starten? Das besteht nämlich nicht nur aus dem „Stress“ von Projektwochen, Ferien oder Wandertagen.

Was diese Jugendlichen offensichtlich noch nicht verstanden haben ist, dass man für die Erreichung seiner Ziele und Durchsetzung seiner Ideen auch was tun muss. Und dass man, wenn sich Leute bereit finden ihnen zuzuhören und sie zu unterstützen, beim Vorstellen seiner Ideen oder Projekte und bei den Verhandlungen darüber, ihnen einen gewissen Respekt beweisen muss. Schließlich muss der Gegenüber das Gefühl haben, ernst genommen zu werden und auch die Lust bekommen und behalten, sich mit in der Sache zu engagieren. Diese Chance haben die anwesenden Jugendlichen gestern vollständig in den Wind geschlagen. Scheinbar werden Werte wie Respekt und Engagement an heutigen Schulen nicht mehr vermittelt. Und die Elternhäuser vieler Kinder und Jugendlicher lassen ganz offensichtlich auch in der Erziehung ihres Nachwuchses zu wünschen übrig.

Ich möchte hier allerdings auch klarstellen: Ich schreibe hier nur über einen Teil der Jugendlichen, nicht über alle. Es gibt viele Jugendliche, die nicht so sind. Jugendliche, die anderen Menschen mit Hilfsbereitschaft und Respekt begegnen. Und ja, es gibt sogar viele Jugendliche, die sich für ihre Ziele engagieren. Oder für andere. Scheren wir also nicht alle über einen Kamm.

Was mich angenehm überrascht hat war die einhellige Meinung, dass die Drogenkonsumenten stören. Sie wollen sich nicht an Plätzen aufhalten, an denen die Kiffer rumhängen. SUPER!!!

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