Warum Fabricio für mich der richtige Kandidat ist

Ich bin ehrlich. Ja, auch ich habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als ich erfuhr, dass Fabricio do Canto als Direktkandidat der Pankower Piraten zur Bundestagswahl aufgestellt worden war. Ich konnte es nicht fassen und war mit dieser Meinung nicht der einzige. Ich dachte, meine Pankower Piraten hätten sich nun endgültig unwählbar gemacht.

 

Warum dachte ich so? Ich hatte nichts gegen Fabricio persönlich. Ich hatte ihn einige Zeit zuvor bei einer unserer Crewsitzungen von „Schrödingers Katze“ im Winsenz kennengelernt. Ich fand ihn auch sehr sympathisch. Ganz ehrlich. Aber als Direktkandidat für die Bundestagswahl? Gott bewahre!!!

 

Ich glaube, es sind verschiedene Punkte, die mich so denken ließen. Zum ersten war da die Sprachbarriere. Fabricio spricht Deutsch, aber halt nicht so fließend und geschliffen, wie man das von Bundestagsabgeordneten gewohnt ist. Nein, ein Meister der geschliffenen Rede ist er nicht. Dann irritierte mich wahrscheinlich sein Kopftuch. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein erwachsener Mann, der verantwortungsvoll Kinder großzieht, in genau dieser Kluft im Bundestag sitzt und Politik macht.

 

Meine Meinung in Bezug auf Fabricio als Bundestagskandidat hat sich grundlegend geändert. Mehrere Ereignisse haben dazu geführt. Da wäre zum Beispiel die Podiumsdiskussion in der Brotfabrik, bei der die Kandidaten von der LINKEN, den GRÜNEN, der CDU, der FDP und halt auch Fabricio für uns Piraten auf dem Podium saßen um sich, ihre Parteien und Positionen darzustellen und so auch die Werbetrommel zu rühren. Fabricio hat sich in meinen Augen von allen Kandidaten am besten geschlagen, als er die anderen Kandidaten mit ihren eigenen Waffen schlug. Mit einem messerscharfen Verstand und einer unschlagbaren Logik und Schlagfertigkeit gewann er das Publikum für sich. Es gab zum Beispiel die Diskussion, warum denn die Mieten in den letzten Jahren so stark gestiegen sind. Alle Kandidaten der anderen Parteien waren damit beschäftigt, sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben. Frei nach dem Motto „Damals regierte Rot-Rot, hätte es eine Schwarz- Gelbe Koalition gegeben…“ Und so weiter und so fort. Als endlich Fabricio als letzter das Wort bekam, meinte er, dass er nur gehört habe, welche schön bunten Farbkombinationen möglich seien und wie man am besten die Macht bekommt und behält. Jeder würde gegen jeden schießen und somit vernünftige Sachen und Ideen blockieren. Von dem eigentlichen Problem, den steigenden Mieten, habe keiner der Mitkandidaten gesprochen. Das waren wahre Worte, die beim Publikum sofort Zustimmung auslösten. An anderer Stelle erörterte er, warum er bei den Piraten ist und hat damit Zustimmung beim Publikum geerntet: Er erklärte, dass er als Brasilianer aus einem Land kommt, in dem Korruption bei Politikern und anderen mehr oder weniger hohen Leuten normal ist, quasi zum guten Ton gehört. Er forderte, Politiker nach Leistung zu bezahlen. Mit den Piraten sei das machbar. „Wo können sie einen unfähigen Politiker absetzen und zur Verantwortung ziehen wenn er Millionen oder Milliarden Gelder versenkt hat? Oder korrupt ist? Die Piraten wollen genau das durchsetzen.“

 

Nein. Fabricio braucht keine geschliffene Politikersprache. Er muss seine Reden nicht einstudieren, er argumentiert „aus dem Stehgreif“. Und das mit einer einfachen Sprache, die die Menschen auch verstehen. Er gebraucht keine hoch gestochenen Fremdwörter. Vielleicht, weil es so für ihn einfacher ist. Allerdings macht genau dass es auch dem Zuhörer leichter, ihn zu verstehen. Und er will verstanden werden.

 

Aber nun zu einer anderen Situation: Wenige Tage später, am 03. Juni, haben Rainer und ich in der Lychener Straße in einem Cafe ein Treffen mit Lars Zimmermann gehabt, dem Direktkandidaten der Pankower CDU. Auf die Idee zu diesem Treffen kam ich, weil Lars (ja, wir sind miteinander per Du) bei der Podiumsdiskussion meinte, er würde den Politikwandel in Deutschland begrüßen, an dem die Piraten einen entscheidenden Anteil hätten. Die Mitpiraten, die ebenfalls bei dieser Veranstaltung waren, waren im ersten Moment genauso sprachlos wie ich. Was hatte der gesagt? Und dann legte Lars noch nach, als er noch mal das bekräftigte, was Fabricio schon vorher geäußert hatte, nämlich dass die Parteien und Politiker endlich zum Wohl der Bürger zusammenarbeiten müssten anstatt sich immer nur zu blockieren und zu zerfleischen. Als Rainer und ich ihn im Cafe trafen äußerte er sich sehr lobend über Fabricio. Fabricio sei ein Mensch mit Visionen. Ein Mensch, mit dem er sich eine parteiübergreifende Zusammenarbeit sehr gut vorstellen könne.

 

Und noch ein Gedanke: Ich hatte, kurz nachdem ich von Fabricios Wahl erfuhr, mit einem Mitpiraten gesprochen, der eher ein Problem damit hatte, dass Fabricio vor allem von Politik für Kinder redet. Das sei irgendwie zu eintönig und sowieso habe er doch kein wirkliches Programm. Ich habe mich in der letzten Zeit öfter gefragt, ob es an dem sei. Schließlich sind Kinder unsere Zukunft. Werte, die wir als Gesellschaft unseren Kindern heute vermitteln werden sie irgendwann als Erwachsene leben. Wir Piraten wollen die Welt besser machen. Wir wollen freie und selbstbestimmte Bürger haben. Was ist dann verkehrt daran, unsere heutigen Kinder genau zu solchen Menschen zu erziehen? Was kann, darf oder sollte uns daran hindern, in genau diese Art Mensch zu investieren? Ich jedenfalls sehe dafür keinen vernünftigen Grund. Vielleicht werden wir Piraten auch in zehn Jahren nicht an den Schalthebeln der Macht sitzen. Wir haben aber die Macht unseren Kindern beizubringen, die Politik einer Regierung nicht einfach so hinzunehmen, halt selbstständig zu denken und Verantwortung zu übernehmen.

 

Mein persönliches Fazit zog ich vor einigen Tagen als ich mit einem festen Vorsatz Fabricio in seinem Laden besuchte. Ich wollte ihn fragen, wie ich ihn in seinem Wahlkampf persönlich unterstützen könne. Da ich Schichtarbeiter bin und meistens an den Wochenenden arbeiten darf habe ich da nicht wirklich viele Möglichkeiten. Aber die, die ich habe, will ich gern einsetzen. Für meine Pankower Piraten, die mit Fabricio einen wirklich guten Kandidaten aufgestellt haben. Und wer sich jetzt noch an seinem Kopftuch stört möge sich an die Bundestagsabgeordneten der GRÜNEN in den achtziger Jahren erinnern: Vollbärtige, strickende Männer in Rollkragenpullovern und Jesuslatschen. Wo ist der Unterschied? Wir leben in einer Multinationalen Gesellschaft, jeder soll – nach Piratenlesart – leben dürfen wie er will. Aber wenn einer es tut hat man als Pirat Angst davor? Ich finde, der Bundestag braucht mehr Farbe, mehr Mate, mehr Fabricios!

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