Siebzig Jahre Befreiung – Wir sind in der Pflicht!

Heute vor 70 Jahren ging der zweite Weltkrieg zu ende. Da die meisten Zeitzeugen der damaligen Ereignisse nicht mehr leben, gibt es auch immer weniger Gelegenheit für uns später Geborene, diese Menschen zu befragen. Immer mehr Menschen werden auf Geschichtsbücher angewiesen sein und auf die „Wahrheiten“, die ihnen im schulischen Unterricht, in Fachbüchern oder in Museen vorgesetzt werden. Dass ist der ganz natürliche Lauf der Dinge. Wir können ja auch niemanden mehr fragen, wie es war, als er mit Alexander dem Großen in Persien einmarschierte. Hier sind wir auf die Geschichtsschreibung, die von Siegern verfasst wurde, und die Erkenntnisse der Archäologie angewiesen.

Beim zweiten Weltkrieg liegt die Sache aber doch ein wenig anders: Es gibt Fotos und Filmmaterial, die das Grauen der Kämpfe und den Horror der Ghettos und Konzentrationslager festhielten. Es gibt die Konzentrationslager, die, heute zu Museen umgestaltet, versuchen, dass dort gewesene Grauen und die systematische Vernichtung menschlichen Lebens in Erinnerung zu halten. Und es gibt noch sie: die Zeitzeugen. Wenn es auch immer weniger werden.

70 Jahre ist dass her. Wir sprechen also von – in etwa – einem Menschenleben. Eine lange Zeit also. Ich habe für mich einen Trick entwickelt, um einen besseren Zeitbezug herstellen zu können: ich bin jetzt 41 Jahre alt. Adolf Hitler, der dieses ganze Morden ausgelöst hat, hat sich also 29 Jahre vor meiner Geburt durch Selbstmord seiner Verantwortung entzogen. Nun ist die Zeitspanne zu mir und meinem Leben doch nicht mehr so lang.

Ich hatte das große Glück, Menschen verschiedener Nationen kennenzulernen, die diese Zeit des exzessiven Mordens erlebt haben. Vor Allem darf und durfte ich polnische Menschen zu meinen Bekannten, zum Teil sogar zu meinen Freunden zählen und bekam so einen Eindruck davon, wie Menschen, die diesen ganzen Schrecken miterlebt haben, heute ohne Hass auf die jüngeren Generationen Deutschlands schauen.

Da ist der Vater meines polnischen Freundes Zygmunt. Unter seinem Dach habe ich mehrmals übernachtet, wenn ich in Niedzwiedz nahe Wroclaw war. Er kämpfte in der polnischen Armee unter dem Oberkommando der Sowjets. Er war dabei, als der Warschauer Aufstand tobte, die Sowjets auf der anderen Seite der Weichsel Halt machten und die polnischen Soldaten zusehen mussten, wie die Aufständischen zusammengeschossen wurden. Und er war bei den Kämpfen um Berlin dabei. Von ihm habe ich, noch zu DDR-Zeiten, erfahren, dass es den „Sturm auf den Reichstag“ nie gegeben hat. Er warnte mich aber damals auch, dass nicht öffentlich zu sagen, in den Schulen wurde ja was anderes gelehrt. Dieser Mann starb leider vor etwa 10 Jahren.

Da ist Frau Skorupka aus Wiazowna bei Warschau, die Nachbarin meines Freundes Zygmunt. Auch sie hat mir erzählt, was damals passierte. Allerdings bin ich immer noch der Meinung, dass sie mir die wirklich schlimmen Dinge nie mitgeteilt hat um meine Gefühle als Deutscher nicht zu verletzen. Immer, wenn ich in Wiazowna bin, bäckt sie Kuchen für mich.

Bei einer Kranzniederlegung für die gefallenen Aufständischen des Warschauer Aufstands (von denen es zwei gab: einen jüdischen im Ghetto und einen allgemeinen), stellte mich mein Freund Zygmunt einem älteren Herren vor, der auch mit Blumen geehrt worden war. Ich sprach damals bereits polnisch, aber der Herr hörte sofort meinen Akzent heraus. Die Frage, woher ich käme, beantwortete ich wahrheitsgemäß: Aus Berlin. Er lud uns zu sich nach Hause ein, wir tranken Tee und es war ihm sichtlich peinlich, dass er in seiner ärmlichen Wohnung nicht mehr anzubieten hatte. Aber er erzählte uns, wie er als 14jähriger im Ghetto gegen die  deutschen Besatzer kämpfte. Wie seine Freunde bei den Kämpfen starben.

Dies sind nur drei Beispiele. Und warum nenne ich sie? Weil sie mir auch von den Dingen berichtet haben, die in keinem Geschichtsbuch jemals auftauchen. Von einem deutschen Armeearzt, der auch polnische Zivilisten behandelt hat, weil er vor Allem eins geblieben war: Ein Mensch. Und sie berichteten mir von schlimmen Begebenheiten, die auch in keinem Geschichtsbuch Erwähnung finden werden, weil sie im Krieg einfach mal zu alltäglich sind.

Alle drei haben vor Allem eins geschafft: Sie haben trotz aller traumatischen Erlebnisse ihren Hass auf „alles deutsche“ abgelegt. Sicher werden sie den Tätern nicht verzeihen, aber sie machen nicht die nachfolgenden Generationen für die im zweiten Weltkrieg durch Deutsche begangenen Verbrechen verantwortlich.

Alles, was diese Leute mir mit auf den Weg gaben ist, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Verantwortung dafür, dass sich so etwas nicht wiederholt. Und: Dieselbe Verantwortung gaben sie übrigens auch ihren eigenen Kindern und Enkeln mit. Und dieser Verantwortung müssen wir uns gemeinsam stellen. Deutsche, Polen, Russen, Tschechen, Franzosen, Belgier… In Erinnerung an etwa fünfzig Millionen Opfer.

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