Die Presse und eine hausgemachte Krise

Man schrieb das Jahr 1912, als die Titanic sank. Vollmundig verkündete vorher die Reederei, die britische White Star Line, dass dieses Schiff unsinkbar sei. Ein einzelner Eisberg reichte dann allerdings, um „die Unsinkbare“ auf den Grund des Atlantiks zu schicken. Ein Eisberg und ein grenzenloses Überschätzen der damaligen technischen Möglichkeiten. Die Titanic war also doch nicht unsinkbar.

Vor einem ähnlich gelagerten Problem steht heute die Presse, die jahrelang in dem Wahn lebte, unangreifbar zu sein und Meinungen bilden zu können. Die Zeitungsverlage waren und sind sich ihrer Macht bewusst und setzten diese auch ein. Und trotzdem ist vor Allem in den letzten zwei Jahren immer mehr von einer Medienkrise zu hören. Diese Krise ist hausgemacht und basiert auf dem grenzenlosen Vertrauen in die eigene Macht, vergleichbar mit dem Vertrauen der Titanic-Konstrukteure in die Unsinkbarkeit ihres Schiffs.

Internet

Jahrelang verschliefen die großen Zeitungsverlage die Entwicklung. Sie setzten weiter auf (teure) Druckerzeugnisse, anstatt selbst eigene attraktive Angebote zu entwickeln um in großem Stil ihre Artikel einer ständig wachsenden Internetgemeinde zur Verfügung zu stellen. Erst als sich die Medienlandschaft immer deutlicher veränderte und mehr Menschen mit privaten Blogs ihre (nicht immer richtige) Sicht der Dinge veröffentlichten, zogen die Verlage nach.

Zwar sind endlich alle großen Verlage im Internet präsent, allerdings machen einige das Lesen von Artikeln dadurch unerträglich, dass sich immer wieder irgendwelche Werbefenster (Popups) oder sogar Videos (ungefragterweise!) öffnen.

Schon immer haben sich Zeitungen durch Werbung oder Anzeigen anderer Art (Sterbe- oder Hochzeitsanzeigen etc.) finanziert, also setzen sie auch weiterhin fast ausschließlich auf bezahlte Werbeplätze. Um die Einnahmen durch Werbung zu steigern, wurden immer mehr Anzeigen eingebunden und mit redaktionellen Inhalten vermischt. Dies führte jedoch zu einem Preisverfall für Anzeigenplätze, da die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Lesers auf mehr Anzeigefläche verteilt werden musste. Zudem wehrten sich die zunehmend genervten Leserinnen und Leser dagegen mit PopUp-Blockern.

Hatten früher viele Menschen eine Zeitung nur wegen ein- oder zwei speziellen Artikeln gekauft und so die Umsätze angekurbelt, lesen sie heute im Internet eben jene ein- oder zwei Artikel, wegen denen sie früher die ganze Zeitung kaufen mussten. Wie können die Zeitungen diese Umsatzverluste wieder auffangen?

Eine Möglichkeit bot der 2010 gegründete Bezahldienst „Flattr“, mit dem Leserinne und Leser einzelne Artikel bezahlen konnten (oder auch nicht). Ein Klick auf einen einfachen Button, am Fußende oder seitlich des Artikels platziert, und schon wurde von einem vorher bei „Flattr“ einbezahlten Guthaben ein bestimmter Betrag bezahlt. Diese Möglichkeit wurde jedoch von den Medienkonzernen kollektiv boykottiert. Mir sind nur die „taz“ und „der Freitag“ bekannt, die „Flattr“ einsetzen. Die Konzerne suchen lieber nach anderen Möglichkeiten, anstatt einer simpel umzusetzenden Methode auch nur ansatzweise eine Chance zu geben. Sie lassen dieses Projekt lieber sterben.

Statt dessen setzen immer mehr Zeitungsverlage so genannte Paywalls ein, Seiten oder Fenster, die dem Artikel vorgeschaltet sind und auf denen die Leserinnen und Leser gebeten werden, doch bitte etwas zu bezahlen oder auch nicht. Nichts anderes als „Flattr“ also, nur, dass hier noch ein nerviges Fenster erscheint. Dass dieses Konzept so nicht funktioniert, werden die Verlage bald feststellen.

Erscheinungsbild des Journalismus

Seit über einem Jahr greift das Wort von der „Lügenpresse“ massiv um sich. Und dass nicht nur bei den Verschwörungstheoretikern um Elsässer und Konsorten. Insgesamt schwindet das Vertrauen in die Medien, auch bei immer mehr Menschen, die politisch in der Mitte oder sogar sehr weit links stehen. Warum? Weil es die Presse ist, die sich, bis auf wenige Ausnahmen, immer mehr zu einer Hofberichterstattung der jeweiligen Regierung entwickelt hat.

Als Schröder Bundeskanzler war, wurden die Bemühungen, die HARTZ IV-Entwicklung voranzutreiben, hochgejubelt. HARTZ IV sei schließlich alternativlos und die Umgestaltung des Sozialsystems in diese Richtung längst überfällig. Dass es viele tausend Gegenstimmen und Demonstrationen dagegen gab, wurde eigentlich eher am Rande erwähnt, um den Schein der Erfüllung der Informationspflicht zu wahren.

Oder nehmen wir die von Inge Hannemann aufgedeckten Missstände in den Jobcentern. Sie hat im Prinzip nur aufgedeckt, was alle wussten, die schon mal als „Kunden“ beim Jobcenter waren. Alle wussten, was schief läuft, aber es passte nicht ins „offizielle Bild“. Da sollten lieber positiv klingende Nachrichten gebracht werden. Berichte über eine immer besser laufende Konjunktur, neue Rekorde beim Export, immer glorreichere Zahlen am Arbeitsmarkt. Also dass, was die Regierung im allerbesten Licht erscheinen ließ. Aber erst durch den Mut der Insiderin Hannemann wurde der Druck auf die Medien, doch auch mal die Realität zu schildern, so groß, dass sie gar nicht mehr anders konnten. Nun erfuhren die Leserinnen und Leser zwar auch nichts wirklich neues, aber nun hatten sie es schwarz auf weiß, dass die Zahlen am Arbeitsmarkt nur durch den massiven Anstieg prekärer Arbeitsverhältnisse entstanden sind. Und dass waren nur zwei Beispiele.

Die Medienkonzerne verkaufen ihre Leserschaft immer mehr für dumm und sehen dabei nicht, dass sie damit ihre eigenen Erzeugnisse in den Dreck treten. Schließlich unterstellen sie sich damit selbst, für Idioten zu schreiben. Aber die LeserInnen sind tatsächlich denkende Wesen, auch wenn viele Redakteure dass nicht wahrhaben wollen.

Nun stellen sich die LeserInnen verständlicherweise die berechtigte Frage, was aus dem freien und unabhängigen Journalismus geworden ist. Der Vorwurf, dass die Presse immer mehr von „denen da oben“ gesteuert wird, steht nicht umsonst im Raum. Dies betrifft die Auswahl der Themen ebenso wie auch den Inhalt der Berichterstattung. Schlecht oder gar nicht recherchierte Artikel, die nur auf der Vorlage von Pressemitteilungen von Bundeskanzleramt oder den Ministerien basieren, haben mit wirklichem Journalismus nichts mehr zu tun. Es muss mehr hinterfragt werden. Und den Job des Hinterfragens haben immer mehr die BloggerInnen übernommen.

Schutz der Presse und der Pressefreiheit

Die Presse hat – meiner Ansicht nach – zu großen Teilen ihre Unabhängigkeit schon lange eingebüßt. Seit vielen Jahren schon legt in vielen Zeitungsunternehmen nicht der Journalist fest, ob in seinem Artikel positiv oder negativ über eine Entwicklung geschrieben wird, sondern der Chefredakteur. Und wenn der der Ansicht ist, dass der Artikel genau so passt, gibt es einen Beschwerdeanruf vom Betroffenen. Genannt sei der Fall der BILD-Zeitung, bei der der Bundespräsident a. D. Wulff seine damalige Stellung dazu nutzen wollte, gegen das Erscheinen eines Artikels zu intervenieren. Die BILD brachte den Artikel doch und berichtete über den Anruf. Dass geschah relativ gefahrlos, Wulff befand sich bereits im freien Fall. Allerdings zeigt schon allein der Fakt, dass ein Politiker sich in der Position sieht, einen negativen Bericht über seine Handlungen durch ein einfaches Telefonat verhindern zu können, die enge Verflechtung von Medien und Politik und stellt die Unabhängigkeit sowie die Freiheit der Presse infrage.

Aber die Verlage legen sich auch sonst fleißig Knüppel in den Weg. Nicht nur, dass sie die Zeichen der Zukunft zu spät erkannt haben und weiterhinn verkennen, sie ignorieren auch viele Organisationen, mit denen sie eigentlich verbündet sein sollten. Beispielsweise bei der – wenn vorhanden – Berichterstattung über die Piraten. Diese Partei versucht, die Freiheit des Internets – und damit des Zukunftsmediums der Presse – zu sichern. Sie bemüht sich, damit auch die Zukunft einer wirklich freien und unabhängigen Presse zu erhalten beziehungsweise zu ermöglichen.

Was erfährt man aber aus der Presse über die Piraten? Irgendwelche sind ausgetreten. Die Piraten zoffen sich. Die Piraten haben interne Probleme und sind doch sowieso schon tot. Oder man liest: Nichts.

Während also alle anderen Parteien versuchen, die Presse lediglich vor ihren Karren zu spannen, macht man die Partei nieder, die für den Schutz der Presse, ihrer Freiheit und Unabhängigkeit ebenso eintritt wie für ihre Zukunft.

Fazit

Liebe Presseleute: Ihr braucht euch nicht zu wundern, wenn sich immer mehr Leute auch – oder schon vor allem – auf unabhängigen Blogs informieren. Eure Krise ist hausgemacht.

 

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9 Gedanken zu „Die Presse und eine hausgemachte Krise

  1. Sehr treffender Artikel Thomas!
    Das Elend der Piraten wird aber leider auch an deinem Header deutlich, den ich dir einmal aufpoliert habe: 20% schlanker und als 256-Farben-png
    Weiter so!

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  2. Pingback: Die Presse und eine hausgemachte Krise | Pirat Thomas Matzka | Grüsst mir die Sonne…

  3. Der Bericht hätte vor „Was erfährt man aber aus der Presse über die Piraten?“ enden sollen finde ich, des weiteren fehlt mir ein Aktuelles Beispiel wie Ukraine, TTIP oder VDS?

    Vielen Dank und weiter so!
    Peterbond

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    • Ich schrieb davon, dass die Presse viele Organisationen, mit denen sie eigentlich zusammenarbeiten sollte, stiefmütterlich behandelt. Das Beispiel Piraten nahm ich nur, weil sie die bekannteste Gruppierung sind. Ich hätte auch LobbyControl nehmen können, von denen die Journalisten Informationen über Lobbyisten bekommen können. Ganz ohne eigenes Recherchieren.

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